Raketenwissenschaften

Freitag Nacht war ich die erste Person im Hottub. Ich konnte es kaum abwarten. In den letzten Jahren hatte Mönnes selbst-gebastelter beheizter Pool seine Geburtstagsparty fast zu einem Wellnesserlebnis gemacht. Über die drei Jahre, die ich seine Geburtstagspartys erlebt habe, hat sich die Konstruktion des Pools stetig verbessert. Dieses Jahr war die Pumpe fest angebracht, der Heißwasserzufluss war befestigt und endete in einem stabilen, dicken Schlauch und es gab sogar einen Nothahn, mit dem der Pool in Notfall komplett leergepumpt werden konnte.

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Wenige Minuten nachdem ich im Wasser war, kam Mönne dazu. Er erklärte mir, dass der Nothahn mit einem 10m langem Rohr verbunden ist, welches das heiße Wasser im Notfall in den Wald befördern würde. Andere kamen hinzu und wir genossen die Hitze und die Entspannung – direkt vorm Soundsystem. Wir tanzten ein wenig im Wasser und freuten uns.

Plötzlich begann das Wasser extrem heiß aus dem Schlauch zu spritzen. Mönne reagierte sofort. Er hielt den Schlauch aus dem Pool und versuchte damit die Temperatur des Wassers zu kontrollieren. Er sagte den Leuten am Feuer, dass kein Holz mehr in die Tonne geworfen werden sollte. Wir im Pool bewegten uns weit möglichst vom Ende des Schlauchs weg, aber blieben im Pool.

Eine Person im Pool, die ich bis dahin nicht kannte, sagte vertrauensvoll mit leiser Stimme zu mir: „Ich möchte nicht, dass der Besoffene den heißen Schlauch hält.“ Sie kannte Mönne wohl nicht. Daraufhin erklärte ich ihr, dass sie sich keine Sorgen machen bräuchte. Dass ich den „Besoffenen“ gut kenne und ihm vollkommen vertraue. Dass, egal in welchem Zustand er ist, ich seiner Einschätzung über Sicherheit und Gefahr blind vertraue. Ich versuchte ihr und ihrem Freund deutlich zu machen, wie begabt im logischen Denken er ist, indem ich sagte er sei Physiker. Das beeindruckte die beiden nicht sonderlich. Dann sagte ich: „Das hört sich jetzt vielleicht etwas doof an, aber er ist Raketenwissenschaftler. Tatsächlich.“ Mir viel nichts besseres ein, um darzustellen, dass Mönne in Sachen geistiger Fitness zu vertrauen war. Ich hatte das Bedürfnis Mönne zu verteidigen. Er wirkte in dem Moment vielleicht auf Außenstehende wie ein verrückter Besoffener, aber er war dabei uns vor kochendem Wasser zu bewahren und ich war überzeugt davon, dass ich ihm damit ohne mit der Wimper zu zucken vertrauen konnte.

Mönne sagte dann, dass wir besser aus dem Pool gehen sollten. Er wisse nicht was passieren würde. Wir verließen den Pool und warteten bis wir nach einer Weile wieder das Wasser betraten, Mönne einer Person den Schlauch in die Hand gab und verschwand. Nackt und in Eile.

Er kam nach ein paar Minuten ins Wasser zurück. Die Situation pendelte sich wieder ein. Die Wassertemperatur war wieder unter Kontrolle und wir hatten weiterhin Spaß.

Irgendwann verließ ich den Pool und beschloss mich eine Weile in den Wagen von Marek zu setzen, wo ich Lena traf. Sie erzählte mir, was Mönne in der Zwischenzeit gemacht hatte, als er nicht im Pool war. Er hatte sie darum gebeten die heiße Heizspirale aus der Feuertonne zu holen, doch sie schaffte es nicht. Daraufhin kam Mönne, noch immer nackt, holte die Heizspirale aus der Tonne (ich weiß nicht genau wie), sodass glühende Kohlen um seine nackten Füße fielen, ihn jedoch nicht erwischten.

Mönne beeindruckte mich regelmäßig – auch damit, dass ich nie das Gefühl hatte, dass er bewusst versuchte andere zu beeindrucken. Er tat einfach das, was ihm logisch erschien. Ich bewundere ihn dafür wie selten er sich von Angst beeinflussen ließ. Er war einfach er selbst – aufopferungsvoll, witzig, liebevoll, laut, frech, immer hilfsbereit, ungezwungen. Ich habe Mönne dafür geliebt. Seine Art hat mich glücklich gemacht, wenn wir zusammen waren.

 

von Jeannette Petrik

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